{"id":5068,"date":"2012-11-29T10:24:29","date_gmt":"2012-11-29T10:24:29","guid":{"rendered":"https:\/\/climatepolicyinitiative.org\/?post_type=cpi_publications&#038;p=5068"},"modified":"2026-04-22T08:20:38","modified_gmt":"2026-04-22T08:20:38","slug":"die-deutsche-landschaft-der-klimafinanzierung","status":"publish","type":"cpi_publications","link":"https:\/\/www.climatepolicyinitiative.org\/id\/publication\/die-deutsche-landschaft-der-klimafinanzierung\/","title":{"rendered":"Die deutsche Landschaft der Klimafinanzierung"},"content":{"rendered":"<h4>Kurzfassung<\/h4>\n<h5>Hintergrund<\/h5>\n<p>Beim \u00dcbergang zu einer kohlenstoffarmen Gesellschaft spielt Deutschland eine f\u00fchrende Rolle in Europa und hat sich ehrgeizige Ziele f\u00fcr seinen Beitrag zum weltweiten Kampf gegen den Klimawandel gesetzt. Mit dem <em>Energiekonzept<\/em> 2010 und der 2011 beschlossenen <em>Energiewende<\/em> hat sich das Land verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 um 80 bis 95 % gegen\u00fcber den Werten von 1990 zu senken und den Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Jahr 2022 zu vollziehen.<\/p>\n<p>Damit dieses Ziel erreicht werden kann, sind erhebliche Investitionen in erneuerbare Energien, Energieeffizienz und weitere Ma\u00dfnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen n\u00f6tig. Allein durch staatliche Mittel ist diese Wende nicht finanzierbar. Aus diesem Grund m\u00fcssen dringend die folgenden Punkte gekl\u00e4rt werden: 1) der aktuelle Stand der Investitionen, 2) m\u00f6gliche Investitionsl\u00fccken und 3) wie sich mithilfe von Politik- und Finanzma\u00dfnahmen ein attraktives Umfeld schaffen l\u00e4sst, das Anreize f\u00fcr private Investitionen setzt.<\/p>\n<p>Als ersten Schritt zur Beantwortung dieser Fragen nimmt die vorliegende Studie eine Einsch\u00e4tzung dazu vor, wie viel Geld in Deutschland derzeit in die Reduzierung der Treibhausgasemissionen investiert wird. Anhand der Zusammenf\u00fchrung von Daten aus den verschiedensten Quellen zeichnen wir eine \u00dcbersicht der Finanzierungsstr\u00f6me von ihrem Ursprung \u00fcber die Vermittlung und die eingesetzten Finanzinstrumente bis hin zu den Bereichen, in denen die Gelder verwendet werden. Das Ergebnis ist die erste, umfassende Momentaufnahme der Klimafinanzierung in Deutschland im Jahr 2010.<\/p>\n<p>Es wurden generell Daten f\u00fcr 2010 verwendet, da dies das aktuellste Jahr ist, f\u00fcr das die Mehrzahl der relevanten Daten vorliegt. F\u00fcr den Bereich Industrie wurden Daten aus 2009 und f\u00fcr elektrische Ger\u00e4te wurden Daten anhand von Verkaufszahlen und Preisen zwischen 2007 und 2012 berechnet.<\/p>\n<h4>Wer investiert wie viel und worin?<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Laut unserer Recherchen wurden f\u00fcr die F\u00f6rderung eines \u00dcbergangs hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft in Deutschland 2010 mindestens 37 Milliarden Euro bzw. 1,5 % des BIP investiert.<\/strong> Dazu z\u00e4hlen die gesamten Kapitalkosten f\u00fcr erneuerbare Energien und die energiebedingten Mehrkosten f\u00fcr alle sonstigen Investitionen. Das deutsche Klimafinanzierungsdiagramm in Abbildung 1 (auch \u201edeutsches Spaghetti-Diagramm\u201cgenannt) gibt einen \u00dcberblick der klimaschutzspezifischen Finanzstr\u00f6me w\u00e4hrend ihres gesamten Lebenszyklus.<\/li>\n<li><strong>Mehr als 95 % der Klimafinanzierung in Deutschland kam aus dem Privatsektor, wobei nahezu die H\u00e4lfte durch zinsverg\u00fcnstigte Darlehen staatlicher Banken (F\u00f6rderbanken) gef\u00f6rdert wurde. Das bedeutet, dass die \u00f6ffentliche Hand bei der F\u00f6rderung privater Investitionen eine wichtige Rolle gespielt hat.<\/strong> Beim Gro\u00dfteil der privaten Mittel handelte es sich um Investitionen von Unternehmen (22 Milliarden Euro) der Privatwirtschaft, allen voran die Firmen der Energiebranche. Auch Privathaushalte leisteten mit 14 Milliarden Euro einen erheblichen Beitrag.<\/li>\n<li><strong>Bei den Klimainvestitionen 2010 stellten die erneuerbaren Energien mit Kapitalanlagen von insgesamt 26,6 Milliarden Euro den L\u00f6wenanteil.<\/strong> Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Gelder stammt aus Privathaushalten (37 %). Energiedienstleister, Banken und andere Finanzgeber im Energiebereich investierten 25 %, landwirtschaftliche Betriebe 20 %, 16 % entfielen auf Gewerbe und Industrie und die verbleibenden 2% auf den \u00f6ffentlichen Haushalt. Vorherrschend im Bereich der erneuerbaren Energien waren kleine Projekte wie zum Beispiel Solarstromanlagen auf Wohnh\u00e4usern, auf die 75 % der Gesamtinvestitionen in erneuerbare Energien entfielen, w\u00e4hrend es sich bei den restlichen 25 % um Gro\u00dfprojekte handelte.<\/li>\n<li><strong>In die Energieeffizienz flossen insgesamt 7,2 Milliarden Euro an neuen Investitionen.<\/strong> Der gr\u00f6\u00dfte Teil dieser Investitionen kam mit 5,8 Milliarden Euro der Effizienzverbesserung von Geb\u00e4uden und Elekroger\u00e4ten zugute.<\/li>\n<\/ul>\n<h4>Was waren die wichtigsten Faktoren zur Unterst\u00fctzung dieser Investitionen?<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Der hohe Anteil privater Investitionen f\u00e4llt mit bedeutenden staatlichen Anreizen wie zinsverg\u00fcnstigte Darlehen und Einspeiseverg\u00fctung zusammen.<\/strong> Im Jahr 2010, als der Privatsektor mehr als 70 % seiner klimaschutzspezifischen Investitionen in den Bereich erneuerbare Energien steckte, haben Unternehmen, Privathaushalte und Landwirte auf 11,3 Milliarden zinsverg\u00fcnstigter Darlehen zur F\u00f6rderung ihrer Investitionen in erneuerbare Energien zur\u00fcckgegriffen. Die im Jahr 2010 an Privathaushalte und Unternehmen ausgezahlten Einspeiseverg\u00fctungen (EV) betrugen insgesamt rund 13,1 Milliarden Euro. W\u00e4hrend der letztgenannte Betrag die Zahlungen f\u00fcr den gesamten im Jahr 2010 ins Netz gespeisten regenerativen Strom widerspiegelt (und nicht nur die 2010 errichteten oder finanzierten Kapazit\u00e4ten), unterstreicht die Gr\u00f6\u00dfenordnung der Finanzstr\u00f6me im Zusammenhang mit der EV die Bedeutung dieses Instruments f\u00fcr private Investitionen in erneuerbare Energien. \u00dcber die EEG-Umlage auf den Strompreis wird die EV letztendlich durch den Privatsektor finanziert. Die Industrie ist hiervon weitgehend befreit, weshalb der Gro\u00dfteil der Kosten von Privathaushalten und kleinen und mittleren Unternehmen getragen wird.<\/li>\n<li><strong>\u00d6ffentliche Banken spielten eine wichtige Rolle bei der Bereitstellung der oben erw\u00e4hnten zinsverg\u00fcnstigten Darlehen.<\/strong> Diese zinsverg\u00fcnstigten Darlehen stellten 43 % der Gesamtinvestitionen in erneuerbare Energien und 72 % der Investitionen in Energieeffizienz. Hauptnutznie\u00dfer waren Privathaushalte (KfW) und Landwirte (Rentenbank).<\/li>\n<\/ul>\n<h4>Waren die Informationen zur Klimafinanzierung in Deutschland frei und einfach zug\u00e4nglich?<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Daten zur Klimafinanzierung werden<\/strong> in den \u00f6ffentlichen Haushalten bzw. durch den Privatsektor <strong>nicht systematisch und umfassend ausgewiesen.<\/strong> Es gibt keine feststehende Definition f\u00fcr klimaschutzspezifische Finanzierungen, und es besteht \u2013 mit einigen Ausnahmen, wie Programme unter der Leitung des Bundesumweltministeriums und der KfW \u2013 kein offizielles Verfahren und kein gemeinsamer Rahmen f\u00fcr Erfassung, Berichterstattung und \u00dcberpr\u00fcfung (von Ausgaben f\u00fcr den Klimaschutz.<\/li>\n<li><strong>Es gibt keine systematische und umfassende Einsch\u00e4tzung der Wirksamkeit der \u00f6ffentlichen Klimafinanzierung (aus dem deutschen Staatshaushalt und aus EU-Geldern)<\/strong> zur Erreichung von Treibhausgasreduktionen, Verbesserungen bei der Energieeffizienz und Verbreitung erneuerbarer Energien. Ausgewertet wird derzeit lediglich die Wirkung einzelner Programme (wie die Programme der Nationalen Klimaschutz Initiative oder der KfW).<\/li>\n<li><strong>Die Vergleichbarkeit unterschiedlicher Arten von Finanzstr\u00f6men in Deutschland wird durch Schwierigkeiten bei der Berechnung der Zusatzkosten von Investitionen in erneuerbare Energien behindert.<\/strong> Aufgrund dieser Schwierigkeiten wird im vorliegenden Bericht beides ber\u00fccksichtigt: sowohl die Zusatzkosten f\u00fcr Energieeffizienz und andere, nicht energiebezogene Wege zur Emissionsreduzierung, als auch die vollen Anlagekapitalkosten f\u00fcr erneuerbare Energien. Um ein vollst\u00e4ndiges Bild der deutschen Klimafinanzierung unter dem Gesichtspunkt von Zusatzkosten und Nettofl\u00fcssen zu geben, werden weitere Anstrengungen erforderlich sein.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dieser Mangel an Informationen stellt ein Hindernis f\u00fcr die Optimierung und Weiterentwicklung effektiver politischer Rahmenbedingungen zur Mobilisierung von Finanzmitteln f\u00fcr den Klimaschutz dar.<\/p>\n<p>Um die Wirkungsweise der Ans\u00e4tze zur Klimaschutzfinanzierung besser verstehen zu k\u00f6nnen, brauchen wir f\u00fcr die Mittel aus Deutschland und der EU ein umfassenderes System f\u00fcr Berichterstattung und \u00dcberpr\u00fcfung (MRV). Hierf\u00fcr wiederum bedarf es klarerer Definitionen, einer besseren Koordinierung der Nachverfolgung von Finanzstr\u00f6men sowie eines verbesserten und einfacheren Zugangs zu Informationen.<\/p>\n<h4>Offene Fragen und potenzielle Auswirkungen auf die Politik<\/h4>\n<p>Unser \u00dcbersichtsbericht zur deutschen Klimafinanzierung wirft wichtige Fragen auf, die eindeutige politische Auswirkungen nach sich ziehens:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Besteht ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Investitionen in kleine und<br \/>\ngro\u00dfe erneuerbare Energieanlagen?<\/strong> Die Gro\u00dfinvestitionen in erneuerbare Energien liegen derzeit weit hinter den Kleininvestitionen. Um herauszufinden, ob eine Fortsetzung des derzeitigen Verh\u00e4ltnisses einen kosteneffektiven Ansatz zur Erreichung der ehrgeizigen langfristigen Zielvorgaben zu erneuerbaren Energien darstellt, sind weiterreichende Analysen n\u00f6tig.<\/li>\n<li><strong>Wie sieht eine optimale Aufteilung zwischen Investitionen in regenerative Energieerzeugung und Investitionen in die Stromnetz-Infrastruktur aus?<\/strong> Um Deutschlands ehrgeizige Energie- und Klimaziele zu erreichen, sind beide vonn\u00f6ten. Unsere Sch\u00e4tzungen der Investitionen im Energiesektor zeigen ein potenzielles Ungleichgewicht, was Anlass zu der Frage gibt, ob die Stromnetze und deren Ausbaugeschwindigkeit mit der zu erwarten den Zunahme verf\u00fcgbarer Kapazit\u00e4ten aus erneuerbaren Energien Schritt halten k\u00f6nnen. Diese Frage muss noch tiefgreifender analysiert werden.<\/li>\n<li><strong>Werden die Finanzstr\u00f6me effektiv eingesetzt und sind sie hilfreich bei der Bew\u00e4ltigung der Herausforderungen des Klimawandels?<\/strong> Die Frage nach der Wirksamkeit politischer Ma\u00dfnahmen (darunter die Wirksamkeit der nach Deutschland flie\u00dfenden EU-Finanzmittel) stellt die gr\u00f6\u00dfte L\u00fccke in der deutschen Klimafinanzierungslandschaft dar. Um sicher zustellen, dass \u00f6ffentliche Gelder wirksam eingesetzt werden, und f\u00fcr die Mobilisierung zus\u00e4tzlicher privater Finanzmittel brauchen wir ein besseres Verst\u00e4ndnis der Effektivit\u00e4t von Politik- und Finanzinstrumenten auf EU-Ebene, staatlicher und regionaler Ebene.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Ausblick<\/h4>\n<p>In dieser Studie wird durch eine erstmalig umfassende Darstellung der klimaschutzspezifischen Finanzstr\u00f6me in Deutschland der Grundstein f\u00fcr den wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Diskurs zur deutschen Klimafinanzierung gelegt. Sie stellt zudem den ersten Schritt zur Ermittlung der wichtigsten Probleme und L\u00f6sungen bei der Nachverfolgung der Klimafinanzierung in Deutschland dar. Von grundlegen der Bedeutung f\u00fcr den Aufbau eines angemessenen und effektiven Finanzierungsrahmens f\u00fcr die Energiewende<br \/>\nin Deutschland wird ein besseres Verst\u00e4ndnis der Wirksamkeit von Politik- und Finanzinstrumenten sein.<\/p>\n<p>Dazu z\u00e4hlt auch die Frage, welche Rolle verschiedene Instrumente in Kombination spielen und wie verschiedene Investoren diese Instrumente aufnehmen. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen strenge Berichterstattung und \u00dcberpr\u00fcfung sowie eine systematische Wirksamkeitsanalyse f\u00fcr Lernprozesse, bei der Planung und der Aufstellung des Haushalts auf Bundesebene unterst\u00fctzend wirken und zu mehr Effektivit\u00e4t der Klimapolitik und -finanzierung f\u00fchren.<\/p>\n<p>Zusammen mit ihren Partnern und anderen relevanten Akteuren wird die CPI auch weiterhin an der Verbesserung von Verst\u00e4ndnis und Transparenz der deutschen Klimafinanzierungsstrukturen arbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als fuehrende Kraft in Europas Entwicklung hin zur schadstoffarmen Gesellschaft hat Deutschland ehrgeizige Ziele f\u00fcr seinen Beitrag zum globalen Kampf gegen den Klimawandel gesetzt. Die Erreichung dieser Ziele erfordert erhebliche Investitionen in erneuerbare Energien, Energieeffizienz und andere Massnahmen zur Verringerung von Treibhausgasemissionen. 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